Walter-Hasenclever-Literaturpreis

Walter-Hasenclever-Literaturpreis 2018 geht an den österreichischen Schriftsteller Robert Menasse

  • Auszeichnung fĂŒr sein Gesamtwerk: Jury lobt die konkrete Vision einer alles einschließenden EuropĂ€ischen Union des 63-jĂ€hrigen Wieners.
  • Mit seiner starken Position zu Europa treffe Menasse genau das Anliegen Walter Hasenclevers.
  • Die Preisverleihung findet am 18. November im Ludwig Forum statt. Tags zuvor soll es eine Lesung mit Menasse im LuFo geben. Zum Abschluss besucht der Schriftsteller auch das Einhard-Gymnasium.

 

Den mit 20.000 Euro dotierten Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen erhĂ€lt in diesem Jahr der Wiener Schriftsteller und Essayist Robert Menasse. Das verriet Dr. Barbara Schommers-Kretschmer, Vorsitzende der Walter-Hasenclever-Gesellschaft, auf der Pressekonferenz am heutigen Montag, 16. April, im Haus Löwenstein. Die Jury wĂŒrdigt hiermit das Gesamtwerk des 1954 geborenen Autors und seine konkrete Vision einer „konsequent WĂ€hrung, Wirtschaft und Politik einschließenden EuropĂ€ischen Union.“ Der Festakt zur Verleihung wird am Sonntag, 18. November 2018, im Ludwig Forum fĂŒr Internationale Kunst in Aachen stattfinden.

 

Neue gesamteuropÀische Perspektiven

„Robert Menasse hat eine geniale Art, Texte zu verfassen, die fast gemalt wirken und enorme Komik beinhalten, dabei aber auch wichtige Themen aus Politik und Philosophie behandeln“, stellte Schommers-Kretschmer das literarische und essayistische Werk des Autors heraus. Menasse setze sich in seinen Essays verstĂ€rkt fĂŒr eine gesamteuropĂ€ische Idee ein und stelle sich entschieden gegen nationale Interessen. Gerade in der heutigen Zeit, mit dem Aufschwung von nationalistischen Bewegungen in ganz Europa, sei eine entschiedene Stimme wie die des Österreichers besonders wertvoll. In seinem „Manifest fĂŒr die BegrĂŒndung einer EuropĂ€ischen Republik“ schreibe Menasse die Kraft zur VerĂ€nderung der europĂ€ischen Krise nicht den sogenannten Pragmatikern zu, sondern den „TrĂ€umern“, den utopischen Denkern, den Philosophen und Dichtern.

Die Walter-Hasenclever-Gesellschaft lobt in ihrer ErklĂ€rung ausdrĂŒcklich Menasses FĂ€higkeit, die sonst getrennt wahrgenommenen Bereiche Literatur/Kunst, Politik und Philosophie zu einer neuen ProduktivitĂ€t zu verbinden, als „Think Tank neuer, humanistischer, gesamteuropĂ€ischer Perspektiven.“ Mit seiner starken Position zu Europa und der Frage „Wie stehen wir – aus der Geschichte heraus – zu Europa?“ treffe er genau das Anliegen des Namensgebers des Preises, Walter Hasenclever, so die BegrĂŒndung der Jury.

 

SprachkĂŒnstler und Einmischer

Olaf MĂŒller, Leiter des Aachener Kulturbetriebs und Jurymitglied, sieht Menasse in der Tradition großer ErzĂ€hler der österreichischen Literatur, der mit WelterklĂ€rungshumor die Leser in seinen Bann ziehe. „Menasse ist ein Einmischer im besten Sinne des Wortes. Er fĂŒhrt am laufenden Band Diskussionen in der Öffentlichkeit – was ihn von anderen Autoren abhebt – und bringt seinen österreichischen Humor und all sein Wissen ein“, sagte MĂŒller.

Dr. Maria Behre, Lehrerin am Einhard Gymnasium und Mitglied der Jury, ergĂ€nzte: „Robert Menasse ist medial ĂŒberall prĂ€sent, stellt sich offensiv den Fragen unserer Zeit und bezieht auch die jĂŒngeren Menschen mit ein. Er ist ein SprachkĂŒnstler mit hoher literarischer ErzĂ€hlkraft.“

Auch im Hinblick auf den Namensgeber des Preises sieht sich die Jury in ihrer Wahl bestĂ€tigt. „Auf der Folie des Wissens um Walter Hasenclever und des Leids, das er zu seiner Zeit in einem von nationalem Denken beherrschten Europa erfahren musste, ist uns ein Robert Menasse, der ein einiges Europa durch direkte Diskussion nach vorne bringt, so wertvoll“, betonte Olaf MĂŒller.

 

„Die Hauptstadt“ als kritische Bestandsaufnahme

Robert Menasses 2017 erschienenes satirisches Werk „Die Hauptstadt“ gilt als erster großer Roman ĂŒber die EuropĂ€ische Union und bietet detaillierte Einblicke in die Arbeit im BrĂŒsseler Regierungsbezirk. Menasse erhielt hierfĂŒr den Deutschen Buchpreis 2017. Der in seinen Essays als Verteidiger der EuropĂ€ischen Union auftretende Menasse begegnet den Karrieristen in der EU hier mit entsprechender Skepsis. Die Walter-Hasenclever-Gesellschaft erkennt im Roman eine „durchaus kritische Bestandsaufnahme eines vielstimmigen Europas, die gerade nicht auf pessimistische UnverĂ€nderbarkeit zielt, sondern darauf, Utopien in der Phantasie der Leser zu fördern.“ Menasse zeichnet sich als versierter Kenner der Strukturen in BrĂŒssel aus und entwirft ein Kaleidoskop an Figuren, die sich mit ihren banalen und idealistischen BedĂŒrfnissen und WĂŒnschen durch die „Hauptstadt“ kĂ€mpfen. „Das ganze Tableau dient dazu, die Phantasie des Lesers anzuregen, sich selbst eine Vision von Europa zu machen”, sagte Barbara Schommers-Kretschmer.

 

Mehrere Auftritte im Rahmen der Preisverleihung

Im Rahmen der Preisverleihung wird Menasse bereits am 17. November zu einer Lesung ins Ludwig Forum nach Aachen kommen, am 19. November folgt ein Programm mit dem Autor in der Aula des Einhard-Gymnasiums – der ehemaligen Schule Hasenclevers. Menasse ist in Aachen kein Unbekannter. Erst im vergangenen Jahr diskutierte er beim Karlspreis-Europa-Forum mit dem damaligen PreistrĂ€ger Timothy Garton Ash angeregt ĂŒber Europapolitik, Populismus und die Gefahren von nationalen Interessen fĂŒr den Zusammenhalt der EuropĂ€ischen Union.

 

In seiner jetzigen Form existiert der Walter-Hasenclever-Literaturpreis seit 1996. Bisherige PreistrĂ€ger waren Peter RĂŒhmkorf (1996), George Tabori (1998), Oskar Pastior (2000), Marlene Streeruwitz (2002), F. C. Delius (2004), Herta MĂŒller (2006), Christoph Hein (2008), Ralf Rothmann (2010), Michael Lentz (2012) sowie Michael Köhlmeier (2014). Zuletzt ging die Auszeichnung im Jahr 2016 an Jenny Erpenbeck. Der Preis wird getragen von der Walter-Hasenclever-Gesellschaft, dem Einhard-Gymnasium, dem Aachener Buchhandel und der Stadt Aachen. Dem Kuratorium gehört auch ein Vertreter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach an, das den Nachlass Hasenclevers pflegt und sich als HaupttrĂ€ger am Preis beteiligt.

 

Als Regimekritiker flĂŒchtete Hasenclever ins Exil

Walter Hasenclever wurde am 8. Juli 1890 in Aachen geboren. Er starb am 21. Juni 1940 in einem sĂŒdfranzösischen Internierungslager. Sein lyrisches Werk sowie sein 1916 uraufgefĂŒhrtes Drama „Der Sohn“ machten ihn zu einem Exponenten des literarischen Expressionismus. 1917 erhielt er den Kleist-Preis, von 1924 bis 1930 lebte er als Journalist in Paris. WĂ€hrend dieser Zeit verfasste er eine Reihe von Schauspielen. Zeitweise avancierte er zum meist gespielten Dramatiker des deutschen Sprachraumes. 1930 arbeitete Hasenclever als Drehbuchautor Greta Garbos in Hollywood. 1933 wurden seine Werke in Deutschland verboten. Als Regimekritiker auch physisch gefĂ€hrdet, flĂŒchtete er ins Exil, wo er angesichts der deutschen Kriegserfolge den Freitod wĂ€hlte.

Weitere Infos:
Das Literaturjahrbuch „Walter Hasenclever im Kontext“ ist ab dem 19. April im Aachener Buchhandelt erhĂ€ltlich (Preis: 14,95 Euro, ISBN 978-3-922697-35-0). Das „Lesebuch“ informiert sachlich wie unterhaltsam ĂŒber den Aachener Dichter

Walter Hasenclever (1890-1940) und seine Wirkung bis heute. Es enthÀlt die

Dokumentation der Literaturpreisverleihung an Jenny Erpenbeck im Jahr 2016 und stellt Texte Walter Hasenclevers aus dem Exil in SĂŒdfrankreich vor. Von dort aus hat er als Schriftsteller versucht, ĂŒber den nationalsozialistischen Wahnsinn aufzuklĂ€ren und dagegen zu protestieren. Dennoch wurde er – zusammen mit Max Ernst und vielen anderen deutschen KĂŒnstlern – in Frankreich als Spion verdĂ€chtigt – weggesperrt. Dass sie fĂŒr Frankreich gegen Nazideutschland kĂ€mpfen wollten, nahm man ihnen nicht ab. Das einstige Internierungslager „Les Milles“ bei Aix-en-Provence ist heute eine GedenkstĂ€tte fĂŒr diese KĂŒnstler, das Literaturjahrbuch berichtet ausfĂŒhrlich. Rezensiert werden auch Texte heutiger Autoren, die im Kontext Walter Hasenclever besonders wichtig sind.

Foto: Robert Menasse wird von der Jury fĂŒr sein Gesamtwerk und seine europĂ€ische Vision mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis geehrt. Copyright © Stadt Aachen / David RĂŒben

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