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Wermke / Leinkauf:¬†Macht der Masse ‚Äď 4. Halbzeit

16. März bis 12.05 2019

Eröffnung: Freitag, 15. März 2019, 19.00 Uhr

 

Mit ihrer raumgreifenden Video-Installation ‚Äě4. Halbzeit‚Äú setzt sich das Berliner K√ľnstlerduo Wermke / Leinkauf mit den √§sthetischen Ph√§nomenen organisierter Fu√üballfans und Ultras im Zusammenhang gesellschaftspolitischer Aufst√§nde auseinander. Auf zwei gro√üformatigen Videow√§nden verhandeln die K√ľnstler die mit rei√üenden audiovisuellen Strategien von Ultras und ihre zunehmende Einflussnahme im √∂ffentlichen und politischen R√§umen. In diesem Zusammenhang wird auch das partizipatorische und aktivistische Potenzial von Masseninszenierungen thematisiert.

Die raumgreifende Installation 4. Halbzeit des Berliner K√ľnstlerduos Wermke / Leinkauf zeigt zwei gegen√ľberstehende, grell flackernde LED-Paneele, untermalt von einer ohrenbet√§ubenden Soundkulisse aus Fu√üball-Fanges√§ngen, die f√ľr die Betrachter*innen in einen faszinierenden Bildraum m√ľnden: Grob aufgel√∂ste Szenen wechseln im schnellen Rhythmus von Einstellung zu Einstellung. Menschenmassen aus politischen Protesten und Fu√üballstadien werden gegen√ľbergestellt, die sich in einem Farbmeer aus groben Bildtexturen verfl√ľchtigen. Die Installation setzt sich mit einem aktuellen Ph√§nomen auseinander: Ob bei der Occupy-Bewegung in Spanien, der Istanbuler Gezi-Park-Revolte im Sommer 2013, den Unruhen am Madian-Platz in Kiew oder auch zuletzt bei den Ausschreitungen in Chemnitz, es waren organisierte Fu√üballfans, sogenannte Ultras, mit beteiligt. Das gesellschaftspolitische Potential dieser Gruppierungen, die bereits seit den 1970er-Jahren existieren und welche die ‚Äď nicht zuletzt aufgrund ihrer digitalen Vernetzung – aktuell am schnellsten wachsende Jugend-Subkultur in Deutschland darstellt, wird in der Rauminstallation von Wermke / Leinkauf bildm√§chtig in Szene gesetzt. Haupts√§chlich anhand von Found-Footage-Sequenzen aus Online-Foren und Ultra-Blogs wird die mediale Folie der politischen Auseinandersetzungen im Kontext eines installierten Bildraumes in seiner gesellschaftsumw√§lzenden Dimension durchmessen und als (mediales) Massenph√§nomen zur Grunddisposition des aktiven Widerstandes gestellt, was jedoch aufgrund einer weitgehend fehlenden politischen Orientierung der Gruppierungen nur sehr schwer zu kategorisieren ist und somit zu einem offenen Diskurs anregt.

Der Titel der Installation 4. Halbzeit nimmt Bezug zum Fu√üballspiel. Umgangssprachlich folgt nach der 1. und 2. Halbzeit, die 3. Halbzeit, welche mit Ausschreitungen von Ultras im und um das Stadion in Verbindung gebracht wird. Oftmals wird die 3. Halbzeit auch als Synonym f√ľr die friedlichen Feierlichkeiten nach einem gewonnen Spiel verwendet. Die 4. Halbzeit schlie√üt an das gesellschaftspolitische Potenzial der Ultras an und wie diese bei √∂ffentlichen Protesten wie in Kiew auf dem Madjan oder in Istanbul im Gezi-Park f√ľr die Massenkundgebungen mitgewirkt haben. Mit der 4. Halbzeit erschlie√üt sich ein erweiterter gesellschaftspolitischer Raum in dem Fu√üballfans mit ihrer √Ąsthetik unabh√§ngig vom Fu√üballspiel aktiv werden um Protestbewegungen zu unterst√ľtzen.

Das Berliner K√ľnstlerduo Wermke / Leinkauf setzt sich von Anbeginn ihres k√ľnstlerischen Schaffens mit urbanen R√§umen und ihrer gesellschaftlichen Erschlie√üung bzw. politischen Funktion auseinander. Im spielerischen Zugriff auf die Stadtlandschaft ergeben sich im sozialen Gef√ľge stets neue ungeahnte Beziehungen, die vom K√ľnstlerduo analysiert und herausgefordert werden. Br√ľcken, Hochh√§user, Baukr√§ne, T√ľrme, Bahngleise, die Kanalisation oder D√§cher werden erklommen und durch Interventionen belebt und nutzbar gemacht. Dokumentiert werden die performativen Eingriffe im urbanen Raum mit Video- oder Fotokameras, deren Bildmaterial in verschiedenen Installationen zweckfremd nutzbar gemacht. Die meist performativen Eingriffe im urbanen Raum durchlaufen als Video- oder Fotomaterial eine Transformation, die in Installationen zu einer konzentrierten aber zugleich auch losen Narration finden.
Oft haben Wermke / Leinkauf mit ihren Interventionen im urbanen Raum eine bewusste Auseinandersetzung mit dem st√§dtischen Gef√ľge provoziert. 2013 nutzte das K√ľnstlerduo f√ľr die Arbeit Landmarks erstmals selbstgen√§hte Fahnen, die sie als Markierungen an ausgew√§hlten, schwer zug√§nglichen Orten platzierten. Der dabei verwendete Werkstoff aus neonorangenen und neongelben Warnwesten rekurriert auf das strategische Einsetzen von Warnwesten in ihrer eigenen Arbeitsweise, um auff√§llig und doch unbehelligt im Stadtraum agieren zu k√∂nnen. Die weit sichtbaren Signalfarben verweisen auf das politische Programm der K√ľnstler, die mit ihrer Arbeit den √∂ffentlichen Raum erweitern m√∂chten und architektonsiche, politische und nationale Grenzen zu √ľberwinden versuchen.

Im Jahr 2008 machten sich Wermke / Leinkauf das Berliner Bahnschienennetz zu eigen und nutzten es nach jahrelanger Recherche f√ľr ihre eigene Reise auf selbstgebauten Draisinen. Dabei waren sie im Tunnel- und Gleisnetz so vertraut, dass sie in der Lage waren, √ľber Wochen regelm√§√üig auch innerhalb des Bahnbetriebs das System umzunutzen. Das dabei entstandene Bildmaterial fand seinen Weg in die 3-Kanal Videoinstallation Zwischenzeit.

2014 entfachte ihre Arbeit White American Flags eine wahre Kettenreaktion aus √∂ffentlichen Bekundungen; sogar von einem Terroranschlag war die Rede, als das K√ľnstlerduo auf der Brooklyn Bridge in New York √ľber Nacht die beiden US-amerikanischen Flaggen durch zwei wei√üe amerikanische Flaggen ausgetauscht hatten. Ein massives Ermittlungsaufgebot und ein wochenlanger Diskurs √ľber den Umgang mit einem sicherheitslelevanten Stadtbereich sowie unangemeldeter Kunstwerken im √∂ffentlichen Raum war die Folge.

Kuratiert von Andreas Beitin

 

Gefördert von der Stiftung Kunstfonds und vom Kultursekretariat NRW.


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Foto: Ludwig Forum Aachen


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