Blicke, die bleiben

Ausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum Aachen: Blicke, die bleiben”

„Blicke, die bleiben – Fotografische PortrĂ€ts aus der Sammlung Fricke“
Neue Ausstellung aus dem Bestand der Sammlung Fricke
Circa 100 Fotografien – vorwiegend schwarzweiß
Eröffnung am Freitag, 20. Oktober 2017, um 19.00 Uhr

Seit der Erfindung der Fotografie im 19. Jahrhundert ist das PortrĂ€t eines ihrer großen Themen. „Jeder hat seine Aufgabe. Meine ist: Menschen festzuhalten, bevor sie verloren gehen. Die Fotografie: lebenslange Erinnerungsarbeit“ – so beschreibt etwa der berĂŒhmte Fotograf Stefan Moses seine Arbeit.

Mit rund 100 eindrucksvollen, vorwiegend Schwarzweiß-Fotografien bietet die Ausstellung „Blicke, die bleiben – Fotografische PortrĂ€ts aus der Sammlung Fricke“, die vom 21. Oktober 2017 – 14. Januar 2018 im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum zu sehen ist, eine spannende Zeitreise durch die Entwicklung der PortrĂ€tfotografie von 1898 bis 2017. Aufnahmen unbekannter Individuen treten in den Dialog mit berĂŒhmten Gesichtern.

Wurde zunĂ€chst der Malerei alleine die FĂ€higkeit zugesprochen, die verschiedenen Facetten eines Menschen im Bild zusammenzufĂŒhren, hat die Fotografie die Malerei auf diesem Feld rasch beerbt. Zwar suchten die Fotografen im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ihre kĂŒnstlerische Legitimation noch in „malerisch“ anmutenden Aufnahmen zur Verschleierung des technischen Vorgangs, doch erkannten andere wie Edward Curtis oder JosĂ© Ortiz EchagĂŒe die enormen Chancen des neuen Mediums und hielten in umfangreichen Fotoserien das kulturelle Erbe ihrer LĂ€nder fest. Ihre Aufnahmen, die zu den frĂŒhesten der Ausstellung gehören, berĂŒhren durch ihre Ă€sthetische Kraft wie auch den eindringlich dokumentarischen Charakter. In Deutschland schuf August Sander mit dem konzeptuellen Anspruch einer reprĂ€sentativen Gesellschaftsdarstellung seine epochemachende PortrĂ€tserie vom Menschen in ihrem Arbeits- und Lebensumfeld.

Einstein in Lederjacke
Die fotografische Avantgarde der 1920er und 30er Jahre setzte dann neue Ă€sthetische und konzeptuelle MaßstĂ€be. Den Arbeiten Lotte Jacobis widmet die Ausstellung ein vergleichsweise umfangreiches Kapitel. Ihr gelingen zunĂ€chst in Berlin und spĂ€ter in den USA meisterliche PortrĂ€ts, die individuelle Momente durch eine mitunter ungewöhnliche Bildsprache hervorheben. Jacobis Aufnahme von Albert Einstein in der Lederjacke (1938) wurde vom Magazin LIFE fĂŒr die Veröffentlichung mit der BegrĂŒndung abgelehnt, die unkonventionelle Darstellung sei fĂŒr den berĂŒhmten Physiker und NobelpreistrĂ€ger nicht angemessen. Heute zĂ€hlt sie zu den bekanntesten Bildern von Einstein. Auch bei ihren SchauspielerportrĂ€ts folgte Jacobi Prinzipien, die spĂ€ter Susan Sonntag auf den Punkt brachte: „Der richtige Augenblick zur BetĂ€tigung des Auslösers ist gekommen, wenn man ein Objekt auf eine neue Weise sieht“. Mit seinen außergewöhnlich inszenierten Bildniszyklen markiert spĂ€ter auch Stefan Moses einen Wendepunkt in der klassischen PortrĂ€tfotografie.

Vertrautheit zwischen Fotograf und Modell
Robert Lebecks eindringliche PortrĂ€ts von Romy Schneider entstanden im Auftrag großer Magazine. Dennoch sind sie weniger dem schnelllebigen Fotojournalismus verpflichtet als vielmehr Ausdruck des Vertrauens und der gegenseitigen WertschĂ€tzung zwischen dem Fotografen und der Schauspielerin.
Die Ausstellung zeigt aber auch, dass die Idealisierung des Modells und der Anspruch gesellschaftlicher ReprÀsentation als Darstellungsform der PortrÀtfotografie weiterhin bestehen bleiben.
 
Jeder Mensch – eine kleine Gesellschaft
Und vom Bestreben der PortrĂ€tierten, dem Betrachter etwas ĂŒber sich mitzuteilen, zeugen jene Aufnahmen, die im öffentlichen Raum den einzelnen Menschen als Typus mit all seinen Eigenschaften zwischen skurril und charismatisch zeigen. In diesem Sinne besitzen auch so unterschiedliche Arbeiten wie die von Bettina Flitner und Wilhelm SchĂŒrmann einen gemeinsamen Nenner. Auch wenn im fotografischen PortrĂ€t das Individuum im Fokus steht, ist es stets auch Ausdruck kollektiver und kultureller Momente, im Sinne der bei Novalis entliehenen Feststellung: „Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft“.

Die ausgestellten Arbeiten sind eine Dauerleihgabe der Sammlung Fricke im Suermondt-Ludwig-Museum.

Foto: 05 Wilhelm SchĂŒrmann (*1946 ): Plaza, Aachen 1973, © Wilhelm SchĂŒrmann

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